Paul Diedrich

Beiträge & Studien

CC BY-NC-SA / Kulturverein Guntersblum/Reiner Schmitt

16. Juni 2025

Zwei Szenarien nach drei Tagen Krieg

Notizen zu einem optimistischen und pessimistischen Szenario

von Paul Diedrich

Der israelische Staat hat sich seit 15 Jahren auf die am Freitag begonnene Zerstörung der atomaren und militärischen Kapazitäten der Islamischen Republik Iran vorbereitet. Ausgehend vom Informationsstand über die aktuellen militärischen Ziele und Erfolge Israels im Iran sowie der internationalen Reaktion lässt sich ein optimistisches und ein pessimistisches Szenario ableiten.

Welcher Zug als Nächstes? Schachbrett in einem Bunker am 15. Juni 2025, Tel Aviv.
Welcher Zug als Nächstes? Schachbrett in einem Bunker am 15. Juni 2025, Tel Aviv.
Privat

Optimistisches Szenario: Desintegration des Regimes

Premierminister Benjamin Netanyahu sagte gestern, ein „Regimechange könnte ein Resultat der israelischen Attacken sein.“ Damit zieht Netanyahu in Betracht, dass angesichts der überwältigenden militärischen, politischen und diplomatischen Demütigung das Mullah-Regime seiner chronisch prekären Legitimation entzogen ist. Israel ist keinesfalls an Formen des Nation Building interessiert. Regimechange in diesem Fall bedeutet Kalkulation auf ein erfolgreiches Zusammenspiel der exilierten und inländischen Opposition. Israel führt durch die Ausschaltung der führenden Köpfe des iranischen Atom- und Raketenprogramms sowie durch die Zerstörung der zur Umsetzung der Vernichtungsideologie notwendigen Ressourcen zu Disruptionen innerhalb des Machtapparats der Mullahs. Das Mullah-Regime desintegriert. Die Revolutionsgarden, die als ideologisches, ökonomisches und militärisches Fundament des Regimes fungieren und dessen Vernichtungsantisemitismus exekutieren, sind handlungsunfähig.

Während ein US-Präsident spätestens seit den Erfahrungen in Irak und Afghanistan, im Falle Irans jedoch bereits seit dem CIA-Putsch gegen Premierminister Mossadegh im Jahr 1953, das Wort „Regimechange“ öffentlich nicht mehr in den Mund nimmt, geht es Netanyahu zuvorderst um die Beseitigung der existenziellen Bedrohung durch das Atomprogramm oder die Mullahs. Verwehrt Trump Israel den US-amerikanischen Einsatz von B-2-Bombern als Träger der notwendigen bunkerbrechenden Bomben, wird sich Israel ganz auf einen Regimewechsel konzentrieren.

In der Gleichung „Mullahs + Atombombe“ wäre mit einem erfolgreichen Regimechange zumindest die Komponente „Mullahs“ eliminiert. Netanyahu müsste es dann schaffen, das erreichte Militärische in politisches Kapital zu transformieren. Ein Vorhaben, dessen Konsequenzen nicht absehbar sind – insbesondere in einem ethnisch und religiös vielfältigen Iran, in dem Aserbaidschaner (15–20 %), Kurden (8–10 %), Araber (2–3 %) und Belutschen (2 %) sowie sunnitische Muslime (5–10 %) bedeutende Minderheiten darstellen. Ein Vorhaben, das nicht zwangsläufig in Demokratie mündet, aber zumindest den Abschied von einem theokratisch-fanatischen und antisemitischen Iran bedeuten könnte.

Pessimistisches Szenario: Internationalisierung des Krieges und Krise des Weltmarkts

Im pessimistischen Szenario versucht das Regime, durch seine ökonomische und geostrategische Machtstellung im Nahen Osten eine drohende Niederlage abzuwenden. Durch eine Schließung der Straße von Hormus, einer nur 33 Kilometer breiten Meerenge, durch die täglich rund 17 bis 18 Millionen Barrel Rohöl und etwa 20 Prozent des weltweit gehandelten Flüssiggases transportiert werden, würde das Regime den Krieg und damit die Krise auf die Ebene des Weltmarkts heben.

Die gewaltige Potenz dieser Strategie liegt in ihrer enormen strategischen Bedeutung: Etwa 20 bis 25 Prozent des global auf dem Seeweg gehandelten Rohöls passieren täglich die Straße von Hormus. Das entspricht rund einem Fünftel der weltweiten Ölproduktion. Eine Blockade würde die Interessen der USA, Russlands und Chinas auf vielfältige Weise betreffen. China importiert 10 Prozent seines Öls aus dem Iran – ein Verlust, der zwar kurzfristig durch Ölreserven und Steigerung der Förderkapazität durch Saudi-Arabien ausgeglichen werden könnte. Aber: Saudi-Arabien würde sich in den Augen der arabischen Welt als direkter Kooperationspartner Israels präsentieren, weil es den iranischen Schritt kontern würde – ein Risiko, das Riad zu vermeiden sucht.

In Konsequenz würde es aber eine globale Ölkrise bedeuten. Ein Barrel Öl kostete vor Freitag etwa 66 US-Dollar und heute schon 73,70 US-Dollar – ein Plus von rund 11 Prozent. Eine Blockade würde den Preis vermutlich auf 100 bis 120 US-Dollar heben. Ein Preisanstieg, von dem wiederum Russlands Kriegskasse profitieren würde. Allerdings dürfte Russlands Interesse schwerer wiegen, das Mullah-Regime zumindest in geschrumpfter Form an der Macht zu halten, um nicht einen kriegswichtigen Verbündeten im Krieg gegen die Ukraine zu verlieren. Ein Ausweg wäre, das iranische Regime zurück an den Verhandlungstisch zu bringen, um eine Niederlage zu vermeiden.

Mit der Schließung der Straße von Hormus würde der Iran den regionalen Krieg in eine internationale Krise verwandeln – ein Schritt, welcher die Beteiligung von Washington, Peking und Moskau im Krieg realistischer machen könnte.

Und schon morgen könnte alles wieder anders sein.