19. Dezember 2024
von Paul Diedrich
Der Brandanschlag auf die Synagoge Adass Israel in Melbourne markiert einen Höhepunkt des aufwallenden Antisemitismus in Australien. Jüdinnen und Juden sehen sich von Premierminister Anthony Albanese und dessen Labor-Partei im Stich gelassen.
Veröffentlicht in Jungle World 2024/51
»Es geschah in Minuten. Ich sah die Leute, die es getan haben«, berichtete Yumi Friedman, der sich am frühen Morgen des 6. Dezember in der Melbourner Synagoge Adass Israel aufhielt. Drei maskierte Unbekannte schütteten während des Morgengebets flüssigen Brandbeschleuniger in das Gebäude. Innerhalb kürzester Zeit breiteten sich die Flammen aus und zerstörten das Innere sowie zahlreiche religiöse Gegenstände. Die Anwesenden konnten sich vor den Flammen retten, eine Person erlitt leichte Verletzungen. Der Brandanschlag, den die Sicherheitsbehörden als Terrorakt eingestuft haben, stellt eine lebensbedrohliche Eskalation in einer Reihe von antisemitischen Übergriffen und Gewalttaten dar, die das jüdische Leben in Australien seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 bedrohen.
Zwischen Oktober 2023 und September 2024 registrierte der Executive Council of Australian Jewry (ECAJ) 2.062 antisemitische Vorfälle – eine Steigerung um mehr als 300 Prozent im Vergleich zu den 495 Vorfällen in den zwölf Monaten zuvor. Dazu zählen körperliche und verbale Angriffe, Schmierereien, Sticker und Telefonanrufe. Die Dunkelziffer ist noch höher einzuschätzen, da antisemitische Äußerungen in sozialen Medien nicht erfasst wurden. Der Anfang Dezember veröffentlichte Bericht des ECAJ verweist ausdrücklich auf die neue Qualität des Antisemitismus, die dieser seit dem 7. Oktober 2023 in Australien angenommen habe. Das Massaker der Hamas sei »ein Signal, ein grünes Licht für die Jagd auf Juden« gewesen.
Auffällig ist dem ECAJ-Bericht zufolge, dass antisemitische Vorfälle wie »Tötet alle Juden«-Rufe häufig im Kontext sogenannter propalästinensischer Kundgebungen stattfänden. Insbesondere islamistische, arabisch-muslimische und linke Gruppen demonstrieren bei diesen Kundgebungen immer wieder gemeinsam gegen Israel, vor allem in urbanen Zentren wie Melbourne. Dieser ideologieübergreifende Israelhass ist auch in Australien nicht neu, doch er hat durch die Ereignisse der vergangenen 14 Monate eine beispiellose Intensität erreicht. Robert Gregory, der Geschäftsführer der Australian Jewish Association (AJA), zeigte sich deshalb »empört, aber nicht überrascht« über den Brandanschlag auf die in den sechziger Jahren von Holocaust-Überlebenden errichtete Synagoge.
Premierminister Anthony Albanese von der Labor-Partei warnte vor dem »besorgniserregenden Anstieg des Antisemitismus« in Australien und verurteilte den Anschlag als antisemitischen Terrorakt. Zudem versprach er umgerechnet 30 Millionen Euro für ein Sofortprogramm zur Verbesserung der Sicherheit jüdischer Gemeinden.
Die AJA und andere jüdische Organisationen kritisieren, das kurzfristige Hilfsangebot komme zu spät. Sie werfen der Regierung und der Labor-Partei Versagen im Kampf gegen den Antisemitismus vor. Nach Ansicht der AJA habe die Regierung zugesehen, wie »extremistische islamische Prediger giftigen Antisemitismus« verbreiten, Universitäten von antiisraelischen Gruppen »übernommen« und Synagogen belagert wurden.
Erst Ende November blockierte eine antiisraelische Demonstration den Zugang zur Großen Synagoge in Sydney. Unter denen, die dadurch an einem Besuch gehindert wurden, war die indigene Olympiasiegerin und ehemalige Senatorin Nova Peris. Als wichtige Stimme der indigen-jüdischen Solidarität verurteilte sie öffentlich den wachsenden Hass auf jüdische Menschen, den sie »nicht länger ertragen« könne.
Der jüdische Politiker Josh Frydenberg, ehemals Umweltminister, warf Premierminister Albanese in der Boulevardzeitung Herald Sun vor, unter seiner Führung sei der Antisemitismus »normalisiert« worden. Der fehlende politische Wille, gegen antisemitische Vorfälle vorzugehen, habe ein Klima geschaffen, in dem junge Jüdinnen und Juden »Angst haben, sich öffentlich zu ihrem Glauben zu bekennen«, und »Holocaust-Überlebende erwägen, das Land zu verlassen«. Auch die der Labor-Partei angehörende Premierministerin des australischen Bundesstaates Victoria aus, Jacinta Allan, erntet Kritik: Während einer Pressekonferenz anlässlich ihres Besuchs der abgebrannten Synagoge Adass Israel in Melbourne, der Hauptstadt des Bundesstaates Victoria, wurde sie von einem Mitglied der jüdischen Gemeinde von Melbourne durch Zwischenrufe gestört; ihr wurde vorgeworfen, dass das antisemitische Treiben außer Kontrolle geraten sei.
Auch der Präsident des Australia Palestine Advocacy Network (APAN), Nasser Mashni, verurteilte den Anschlag auf die Synagoge scharf und bezeichnete die Täter als »Nazis«. Auf Äußerungen des israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu, es gebe einen Zusammenhang zwischen dem Scheitern der nationalen Antisemitismusbekämpfung und der Israel-Politik der australischen Regierung (unter anderem zog Australien 2022 seine Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels zurück), reagierte Mashni auf einer Kundgebung zwei Tage nach dem Anschlag und sagte, der »Urheber der Apartheidpolitik und des Völkermords« habe nicht das Recht, über die Ereignisse in Australien zu urteilen. Die parteilose indigene Senatorin Lidia Thorpe, bekannt als vehemente Antizionistin, äußerte auf der Kundgebung zudem, Netanyahu habe »ein Dollarzeichen auf dem Kopf« und es sei »Zeit, ihn für immer einzusperren«.
Suzanne Rutland, emeritierte Professorin für Jüdische Studien an der Universität Sydney, antwortet im Gespräch mit der Jungle World differenziert auf die Frage, ob die Labor-Partei ein generelles Problem mit Antisemitismus und Antizionismus habe. Es gebe zwei Gründe, warum die australische Regierung »keine starke und kohärente Politik« gegen Antisemitismus auf den Straßen Australiens verfolge.
Erstens gehören Premierminister Albanese und Außenministerin Penny Wong dem linken Flügel der Partei an, der »tendenziell kritisch gegenüber Israel eingestellt« sei. Dieser Flügel halte weiterhin »idealistisch an der Zweistaatenlösung fest«, ohne den Antisemitismus von Hamas oder Fatah ausreichend zu berücksichtigen. Rutland betont, dass diese Haltung zwar Antizionismus und damit potentiell auch linken Antisemitismus fördern könnte, dies aber »nicht das Ziel von Albanese und Wong« sei.
Zweitens spiele die muslimische Wählerschaft eine Rolle, insbesondere in den Wahlkreisen von Bildungsminister Jason Clare und Innenminister Tony Burke, in denen der Anteil muslimischer Wähler bei rund 32 Prozent liegt. Eine zu starke Parteinahme für Israel sowie klare Worte und staatliche Mittel gegen antizionistische Proteste in Australien könnten in diesen Wahlkreisen auf Widerstand stoßen.
Der jüngste Anschlag erinnert an eine Serie von Brandanschlägen auf Synagogen in Australien Anfang der neunziger Jahre. 1991 wurden innerhalb von drei Monaten fünf Synagogen in Sydney angezündet, wobei die Bankstown Synagoge im gleichnamigen Stadtteil völlig niederbrannte. Zwei Jahre später wurde am Jahrestag der Reichspogromnacht auf die zweitälteste Synagoge Sydneys ein Anschlag mit Brandbeschleuniger verübt. Die Synagoge Adass Israel wurde bereits im Jahr 1995 durch einen Brandanschlag beschädigt. Die Täter wurden damals nicht gefasst.
Rutland stellte 2006 in ihrem Essay »A Response to the Recent Increase in Anti-Semitism in Australia« einen Zusammenhang zwischen diesen Anschlägen und dem Golfkrieg 1991 her. Angriffe auf jüdische Personen und Einrichtungen im Kontext kriegerischer Auseinandersetzungen, an denen die USA oder Israel beteiligt sind oder für die sie verantwortlich gemacht werden (Israel 1991 war nicht Teil der Kriegskoalition, wurde aber vom Irak mit Raketen beschossen), folgen einer bekannten Logik des globalen Antisemitismus. Wie Rutland im Gespräch mit der Jungle World erläutert, kam es auch in Australien im Zuge der Konflikte zwischen der Hamas und Israel in den Jahren 2008/2009, 2012, 2014, 2021 und 2022 immer wieder zu antisemitischen Vorfällen.
Die Geschichte des israelbezogenen Antisemitismus in Australien reicht jedoch bis in das Jahr 1967 zurück. Der damalige Sechstagekrieg war für die Labor-Partei und die akademische Linke ein Wendepunkt. Wie Rutland hervorhebt, interpretierten sie den israelisch-arabischen Konflikt fortan in Analogie zur sowjetischen Propaganda von den imperialistischen Unterdrückern und den antiimperialistischen Unterdrückten.
Nach dem Ende der Sowjetunion und der Ausbreitung des globalen Islamismus hat der antizionistische Antiimperialismus eine islamistische Wendung genommen – insbesondere nach der Machtübernahme der Hamas im Gaza-Streifen 2007. Propagandistisch gelang es der Hamas auch nach dem Überfall auf Israel am 7. Oktober 2023, sich mit ideologischen Versatzstücken aus dem postkolonialen Kanon für das progressive Lager anschlussfähig zu halten. Vor dem Hintergrund der kolonialen Vergangenheit Australiens erklärt dies einen Teil des Mobilisierungspotentials des Antizionismus und das Bündnis linker mit islamistischen oder arabisch-nationalistischen Gruppen unter dessen Banner. Ob ausgerechnet die Labor-Partei dieser Entwicklung entgegenwirken und den Antisemitismus in Australien eindämmen kann, muss bezweifelt werden.