Paul Diedrich

Beiträge & Studien

CC BY-NC-SA / Kulturverein Guntersblum/Reiner Schmitt

11. Februar 2025

Slotmachine

Ästhetisierung himmlischer Konkurrenz

von Paul Diedrich und Ulrich Formann

Essay über das Kunstwerk "Slotmachine" von Ulrich Formann zur Pochen Biennale Chemnitz für NEW ECOLOGIES, kuratiert von Benjamin Gruner.

Veröffentlicht im Kerber Verlag
Kunstwerk "Slotmachine" von Ulrich Formann
Kunstwerk "Slotmachine" von Ulrich Formann

“Heute ist die Verdunkelung nicht mehr optisch, 
sondern kognitiv und freiwillig, eine Oberfläche aus 
leuchtenden LEDs. Die Welt der existenziellen 
Verstrickungen fängt dahinter an, 
im Schlagschatten der endlosen Displays.”
(Philipp Blom)¹


Check-in. Ankunftszeit, Abflugzeit, Flugzeit, Zeitzone, Zeitslot. Egal ob Flugreisende oder Pilot*innen, Airlines oder Flughäfen, sie alle müssen sich nach ihm richten: dem Flugplan. Als zentraler Taktgeber organisiert er den weltweiten Luftverkehr. Sogenannte Slots legen fest, zu welchen Zeiten Flüge abheben oder landen können.

Dieser Takt ist in den Abflughallen für alle auf Anzeigetafeln sichtbar. Die dahinterstehenden Gesetzmäßigkeiten, Wettbewerbsdynamiken und sozial-ökologische Auswirkungen des globalen Luftverkehrs sind für Passagiere hingegen nur schwer nachvollziehbar. Slotmachine kombiniert öffentlich zugängliche Flugpläne mit frei verfügbaren Radardaten. Dadurch wird eine der Kehrseiten des globalen Flugverkehrs sichtbar: Geisterflüge.

Um den Flugverkehr in seiner heutigen Form zu verstehen, bedarf es eines Blicks in die 1970er Jahre. Wirtschaftskrisen in westlichen Ländern, steigende Arbeitslosenzahlen und ein sinkendes Bruttosozialprodukt führten zum Ende des Wirtschaftswunders der Nachkriegszeit. Als Folge ordnete sich das Verhältnis von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft neu. Unter der Maxime „Weniger Staat, mehr Markt“ kam es zur Öffnung von Märkten, zur Privatisierung öffentlicher Güter und zum Abbau des Wohlfahrtsstaates. Der als Postfordismus bezeichnete weltwirtschaftliche Strukturwandel führte auch zur Privatisierung des Luftverkehrs. Da Flugreisen durch sinkende Preise erschwinglicher wurden, eröffneten sich ungeahnte Reisemöglichkeiten für breite Bevölkerungsschichten.

Doch die neue Form der Mobilität war nicht nur ein Gewinn an Bewegungsfreiheit. Der postfordistische Kapitalismus verlangte auch nach einem höheren Maß an flexibler Verfügbarkeit. Flexible Arbeitszeiten und Beschäftigungsverhältnisse wurden zur Normalität. Auch die örtliche Mobilität der aufsteigenden Managerklasse gewann an Bedeutung. Der Jetset mit dem Flugzeug als Symbol für Mobilität und Fortschritt war das Leitbild einer ganzen Generation. Mit dieser Mobilitätsrevolution ging auch eine grundlegende Veränderung der individuellen Wahrnehmung von Raum und Zeit einher.

Was sich als soziologischer Begriff der Raum-Zeit-Verdichtung etabliert hat, beschreibt die Erweiterung sozialer Handlungsmöglichkeiten durch die effizientere Überwindung von Distanzen.² Paradigmatisch für die Erweiterung des individuellen Handlungsraums steht die Einführung der Eisenbahn. Die Dampflokomotive ermöglichte nicht nur einen effizienteren Transport von Rohstoffen. Durch eine nie dagewesene Möglichkeit zu reisen, eröffnete sie buchstäblich neue Horizonte. Damit stand sie sinnbildlich für den Aufbruch in eine neue Zeit. Mit der fordistischen Massenproduktion des Automobils individualisierte sich die Mobilität. Im Gegensatz zur Eisenbahn konnten nun Reisezeit und Reiseziel selbst bestimmt werden. So gingen Verkehrsrevolutionen immer auch mit Veränderungen im persönlichen und gesellschaftlichen Raum- und Zeitbewusstseins einher.³

Der Postfordismus fand schließlich im Flugzeug seinen himmlischen Träger: Menschen und Waren konnten sich nun innerhalb eines Tages rund um den Globus bewegen. Der globale Luftverkehr schuf damit die materielle Grundlage für die postfordistische Anthropologie des flexiblen Menschen.⁴ Der Zugang des Einzelnen zur Welt war von nun an nur noch eine Flugreise entfernt. Die erneute Verdichtung von Raum und Zeit durch das Massentransportmittel Flugzeug führte laut dem Medientheoretiker Peter Weibel zu einer globalen Nahgesellschaft.⁵ 

Fortan war der Himmel als Raum der Konkurrenz umkämpft. Die Nachfrage nach Flügen stieg stetig und immer mehr Fluggesellschaften, später auch Billigfluglinien, drängten auf den Markt. Während Personal eingeschult und Flugzeuge angeschafft werden können, ist der Ausbau von Flughäfen aus politischen und ökologischen Gründen nicht unbegrenzt realisierbar. Flughafennutzungsrechte sind daher zu einem knappen und umkämpften Gut geworden. Sie gelten daher auch als „Flaschenhals des Luftverkehrs“.⁶

Um begrenzte Kapazitäten optimal nutzen zu können und gleichzeitig die Wettbewerbsdynamik aufrechtzuerhalten, wurden Zeitfenster – Slots – eingeführt. Wird einer Fluggesellschaft ein Slot zugeteilt, ist damit das Recht verbunden, die Flughafeninfrastruktur zu einem bestimmten Zeitpunkt zu nutzen. Vergeben werden Slots halbjährlich durch staatlich beauftragte Koordinationsstellen. Zentral in der Slot-Regelung ist das use-it-or-lose-it-Prinzip. Nutzt eine Fluggesellschaft einen Slot zu weniger als 80 Prozent, verliert sie diesen und ein konkurrierendes Flugunternehmen erhält den Anspruch auf die wertvolle Zeitnische. Um diese Quote einzuhalten und den Slot nicht abgeben zu müssen, werden Flüge kurzerhand leer geflogen.

Zu Beginn der Corona-Pandemie prognostizierte Peter Weibel den Wandel der Nahgesellschaft zu einer Ferngesellschaft. Körpergebundene Interaktionen wie Gruppenmeetings oder Restaurantbesuche würden zunehmend durch körperlose Interaktionen wie Videokonferenzen und Essenslieferungen ersetzt. Die Konsequenz für die Luftfahrtindustrie wäre das Ende des Massentourismus per Flugzeug. Laut Weibel ginge nun “der Globalisierung die Luft aus.”⁷

In der Realität blieben Grenzen zwar für Passagiere geschlossen, Flugzeuge hoben jedoch weiter ab.⁸ Obwohl die use-it-or-lose-it-Regel temporär gelockert wurde, gaben Vorsitzende von Fluggesellschaften öffentlich zu, eine beträchtliche Anzahl an Leerflügen durchzuführen.⁹ Dadurch rückte die Existenz von Geisterflügen in den ersten Monaten der Pandemie in ein breites öffentliches Bewusstsein.

Weibels epochale These vom Aufbruch in die Ferngesellschaft hat sich nur in Teilen bestätigt. Zoom-Calls und Homeoffice sind aus der Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Der Massentourismus hingegen ist stärker denn je zurück. Die Passagierzahlen brechen seit der Aufhebung der Reisebeschränkungen jährlich neue Rekorde.¹⁰

Dieses Geschehen ist nicht nur am Himmel zu beobachten. Um Kollisionen zu vermeiden, sind Flugzeuge verpflichtet, im Sekundentakt relevante Flugdaten wie Position und Flugroute auszusenden. Ein globales Netz an Empfangsgeräten zeichnet diese Daten auf. Dadurch ist es möglich, Flüge auf Tracking-Webseiten in Echtzeit vom eigenen Schreibtisch aus zu verfolgen.

Die Installation Slotmachine erinnert auf den ersten Blick an eine herkömmliche Anzeigetafel wie sie in Abflughallen von Flughäfen zu finden ist. Auf einer Videowand sind bereits abgehobene Flüge gelistet. Neben der Abflugzeit werden die Flugnummer sowie der Abflug- und Ankunftsort angezeigt.

Bei bereits gelandeten Flügen ist ebenfalls die Flugdauer vermerkt. Im Gegensatz zu den Anzeigetafeln, die in den Abflughallen über den Köpfen der Passagiere hängen, ist Slotmachine zentral im Raum platziert. Rote LED-Leuchten lassen die Fluginformationen über das Display laufen. Dadurch kann ein Fluggeschehen in Echtzeit beobachtet werden.

Slotmachine fragt automatisch die offiziellen Abflugpläne von den europäischen Flughäfen ab. Diese werden mit den Radarinformationen von Tracking-Webseiten verglichen, auf denen alle tatsächlich abgehobenen Flüge gelistet sind. Der Vergleich dieser beiden Datensätze ergibt eine Differenz, die alle Flüge anzeigt, die nicht auf der Anzeigetafel in der Abflughalle aufscheinen. Dabei handelt es sich nicht nur um Fracht-, Privat-, Militär- oder Regierungsflüge. Auch Linienflüge, die nicht in den Abflugplänen erscheinen und leer geflogen werden, können so gefunden werden.

Hebt einer dieser Geisterflüge ab, wird er live durch Slotmachine angezeigt.



1 Blom, Philipp (2023): Aufklärung in Zeiten der Verdunkelung. Brandstätter Verlag: Wien.

2 Harvey, David (1995): Zeit und Raum im Projekt der Aufklärung.In: Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften. S. 345 - 365.

3 Schauer, Alexandra (2023): Mensch ohne Welt. Suhrkamp: Frankfurt am Main.

4 Sennet, Richard (2000): Der flexible Mensch. btb Verlag: München.

5 Weibel, Peter (2020): Virus, Viralität, Virtualität: Über die erste Ferngesellschaft in der Menschheitsgeschichte. Verfügbar unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/virus-viralitaet-virtualitaet-peter-weibel-ueber-die-erste-ferngesellschaft-in-der-menschheitsgeschichte-ld.1547579

6 Kokott, Peter; Peter Rötzel (2009): Slots – Flaschenhals des Luftverkehrs. In: Zeitschrift für Verkehrswissenschaft (1), S. 63–79.

7 Weibel, Peter (2020): Virus, Viralität, Virtualität: Über die erste Ferngesellschaft in der Menschheitsgeschichte. Verfügbar unter: https://www.nzz.ch/feuilleton/virus-viralitaet-virtualitaet-peter-weibel-ueber-die-erste-ferngesellschaft-in-der-menschheitsgeschichte-ld.1547579

8 Sun Xiaoqian, Sebastian Wandelt, Anming Zhang (2022): Ghostbusters: Hunting abnormal flights in Europe during COVID-19, Transport Policy, Volume 127, S: 203-217.

9 Brankovic, Maja; Dyrk Scherff (2021): Lufthansa-Chef im Interview: 33.000 Flüge wegen Omikron gestrichen. Verfügbar unter: https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/lufthansa-chef-im-interview-33-000-fluege-wegen-omikron-gestrichen-17698894.html

10 International Air Transport Association (2023): Airlines Set to Earn 2.7% Net Profit Margin on Record Revenues in 2024. Verfügbar unter: https://www.iata.org/en/pressroom/2023-releases/2023-12-06-01/