4. März 2026
von Paul Diedrich
Nachdem Beschäftigte des Lieferdiensts Hungrypanda in Sydney auf der chinesischen Plattform Wechat über schlechte Arbeitsbedingungen diskutiert hatten, klingelten in chinesischen Provinzstädten mitten in der Nacht die Telefone ihrer Familien. Die chinesische Polizei setzte Fahrer:innen und deren Angehörige unter Druck.
Veröffentlicht in Jungle World 2026/10
Wer sich für eine bessere Bezahlung bei Lieferdiensten einsetzt und aus China stammt, wird nicht nur vom Arbeitgeber kontrolliert – selbst im Ausland. »Ins Visier genommen« und »eingeschüchtert« fühlte sich Zhuoying Wang, eine in Sydney lebende Kurierfahrerin des Lieferdiensts Hungrypanda, nach drei Anrufen aus einer Polizeistation in ihrer chinesischen Heimatprovinz.
Dem Sender ABC News berichtet sie von den Gesprächen mit den Beamten: »Sie wollten wissen, was wir vorhaben und ob ich Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas bin.« Sie habe erklärt, dass es um gekürzte Bezahlung beim Lieferdienst Hungrypanda gehe und dass der Protest in Sydney und nicht in der Volksrepublik China stattfinde. Dennoch hätten die chinesischen Beamten sie aufgefordert, sich von den geplanten Aktionen fernzuhalten.
Ein weiterer Fahrer aus der Gruppe, Caifa Wang, berichtete, er habe Anfang des Monats von seinem Vater aus China einen »panischen« Anruf erhalten. Da war es schon nach Mitternacht. Der Vater war auf die örtliche Polizeiwache vorgeladen worden, wobei die Polizei darauf bestand, dass er sofort zu erscheinen habe.
Dem Sender ABC News sagte Wang, die Beamten hätten seinem Vater mitgeteilt, sein Sohn sei im Ausland in »gefährliche Aktivitäten« verwickelt. Schließlich habe ihn sein Vater noch einmal vom Polizeirevier aus angerufen. Ein Beamter habe ihn direkt am Telefon gefragt, warum er eine Demonstration organisiere. Ihm sei nahegelegt worden, sich an »lokale Gesetze und Vorschriften« zu halten.
Dem ungewöhnlichen und autoritären Eingreifen des chinesischen Sicherheitsapparats ging ein bei Lieferdiensten üblicher Arbeitskampf voraus. Hungrypanda sah sich in Australien wiederholt gewerkschaftlicher und politischer Kritik hinsichtlich der Bezahlung und der Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Die Transport Workers’ Union (TWU) sprach gar von »Wild-West-Verhältnissen«. Wer sich gegen die Arbeitsbedingungen und Lohnkürzungen ausspricht, werde abgestraft, so die TWU. So erging es auch Zhuoying Wang, als sie im Januar 2024 Hungrypanda öffentlich kritisierte. Seitdem hatte sie spürbar weniger Aufträge erhalten. Nun steht sie dem Unternehmen in einem langwierigen Prozess vor Gericht gegenüber, statt für Hungrypanda zu fahren.
Das im Jahr 2017 in London gegründete Unternehmen gibt auf seiner Website an, es wolle »die lokalen Bedürfnisse chinesischer Communitys weltweit bedienen«. In Australien trifft dieses Geschäftsmodell auf eine große chinesische Diaspora: Rund 1,39 Millionen Menschen, etwa 5,5 Prozent der Bevölkerung, wurden auf dem chinesischen Festland oder in Taiwan geboren. Die Volksrepublik China ist auch einer der wichtigsten Handelspartner des Landes. Entsprechend hoch ist die Zahl der chinesischen Staatsbürger:innen, die bei Plattformen wie Hungrypanda beschäftigt sind.
Daria Impiombato, Senior-Analystin am Berliner Mercator Institute for China Studies (Merics), bewertet die Vorgänge im Gespräch mit der Jungle World als einen »beunruhigenden Präzedenzfall«. Es sei das erste Mal, dass sie von »direkten Drohungen gegen Beschäftigte und ihre Familien im Zusammenhang mit einem Arbeitskonflikt im Ausland« höre.
Zugleich verweist sie auf ein wiederkehrendes Problem: Chinesische Staatsbürger:innen, die für chinesische Unternehmen im Ausland arbeiten, gehen häufig davon aus, nach den »Standards der Volksrepublik und nicht nach den arbeitsrechtlichen Vorgaben des jeweiligen Gastlandes arbeiten« zu müssen. Das stellt die Behörden im Gastland vor erhebliche Herausforderungen, da grundlegende arbeitsrechtliche Standards stillschweigend unterlaufen werden können.
Der Labor-Senator Tony Sheldon bezeichnete die Vorwürfe gegenüber ABC News als »offensichtlich besorgniserregend«. Seit Jahren setzt er sich für die Rechte von Plattformbeschäftigten ein. Jede Person, die in Australien arbeitet, habe »das gesetzliche Recht, sich zu organisieren, den Mund aufzumachen und faire Bezahlung sowie Arbeitsbedingungen« einzufordern.
Impiombato äußerte im Gespräch mit der Jungle World die Vermutung, es sei »unwahrscheinlich, dass dieser Streit auf einer höheren diplomatische Ebene eskaliert«. Zwar würden australische Geheimdienste die Vorwürfe prüfen, »aber oberflächlich betrachtet wird das Unternehmen in der Lage sein, auf Abstand zu den chinesischen Behörden zu bleiben«. Eine direkte Verbindung zwischen Firma und staatlichem Eingreifen nachzuweisen, dürfte schwierig werden. Das Unternehmen bestreitet jede Absprache mit dem chinesischen Sicherheitsapparat.
Gleichwohl legt der Vorfall ein grundsätzliches Problem offen. Er wird zu einer breiteren Diskussion darüber beitragen, »wie chinesische Unternehmen, auch wenn sie scheinbar privat sind, dennoch eng mit dem chinesischen Parteistaat verschränkt sind«, so Impiombato. Wenn solche Unternehmen in Ländern wie Australien tätig sind, stellt sich deren Regierungen somit die Frage, wie sie mit ihnen umgehen sollen. Die Arbeiter:innen hätten »großen Mut gezeigt, ihre Geschichte über die Einschüchterungen öffentlich zu machen«.
Durch die Aussagen könnten ihnen und ihren Familien noch gravierendere Konsequenzen drohen. Neu ist es ohnehin nicht, dass China die eigenen Staatsbürger:innen im Ausland überwacht und sanktioniert. Doch die Tatsache, dass es nun einen für das Regime völlig unbedenklichen Arbeitskampf in Australien trifft, sendet eine klare Botschaft an die chinesische Diaspora: Wir sind näher, als ihr denkt.