
Heute um 7:36 Uhr heulten die Sirenen und rissen mich aus dem Schlaf. Doch ich wusste bereits, was los war: In der Nacht hatte das US-Militär die Atomanlage im iranischen Fordo angegriffen. Ich war gegen 3 Uhr aufgewacht, hatte die ersten Eilmeldungen gelesen. Aus Sorge vor einem sofortigen iranischen Vergeltungsschlag konnte nicht mehr einschlafen. Es muss gegen 6 Uhr gewesen sein, als ich wieder schlafen konnte.
Kurz nachdem wir die doppelten Stahltüren des Miklat (מקלט), hebräisch für Bunker, geschlossen hatten, hörten und spürten wir einen dumpfen Schlag. Unsere Blicke trafen sich fragend: War das ein Einschlag? Ein Splitter? Oder hatte nur jemand von außen gegen die Tür geschlagen?
Als wir den Miklat verließen, sahen wir schnell das zerborstene Fensterglas. Die Fensterfront des täglich genutzten Lernraums war nur noch ein bloßer Scherbenhaufen. Gleichzeitig waren im Hintergrund immer mehr und immer lautere Sirenen zu hören. Dann hörte ich aus einer Gruppe, dass der Einschlag in der Nähe des Einkaufszentrum um die Ecke wäre. Also dort, wo ich immer meine Einkäufe erledige?
In solchen Momenten kann ich nicht still bleiben. Meine Reaktion, Kontrolle über solche Situationen zu erlangen, besteht in der direkten Konfrontation mit dem Geschehen. Hastig schnappte ich mir einen Lime-Roller und folgte dem Wirrwarr der Sirenen.
Drei Minuten später war ich angekommen. Chaos. Ein merkwürdiger Geruch nach Rauch und Staub zieht in meine Nase. Ich erkenne mein Viertel nicht wieder. Überall zerstörte Fassaden. Überall fensterlose Stockwerke. Überall Soldat:innen schnellen Schrittes. Überall Polizist:innen, die eilig versuchen das Gebiet abzusperren. Lautes Gebrüll auf Hebräisch schallt in mein Ohr: "Zurück jetzt, geht zurück hinter die Absperrung!"
Vor mir steht eine Familie, der Vater mit einem Säugling in den Armen, die Mutter mit einem Kleinkind an der Hand. Ich sehe ihre erschrockenen Blicke. Sie wirken orientierungslos. Hilflos. Mitarbeiter des israelischen Rettungsdienst Magen David Adom stützen die Eltern. Einer der Sanitäter hatte aus einem blauen Einweghandschuh einen Ballon geformt. Zur Ablenkung. Sie deuten den Eltern, wo es raus geht, raus aus dem Chaos. Weg von der Verwüstung.
Getroffen wurde neben Wohnhäusern auch ein Altenheim. Ein Mann, bestimmt über 80 Jahre alt, die Kleidung voller Staub, wird in einem Rollstuhl zum Krankenwagen gebracht. Er blutet am Kopf. Ein jüngerer Mann humpelt hinterher. Im Getümmel entdecke ich einen improvisierten Schreibtisch, an dem ein Soldat über langen Papierlisten sitzt. Ruhig und konzentriert studiert er die Zettel. Etwa alle 30 Sekunden gibt er Befehle an die umstehenden Soldaten und Rettungskräfte. Das Chaos beginnt, sich zu ordnen. Alles spielt sich rund um einen Kreisverkehr ab. In dessen Mitte erinnern Plakate und gelbe Schleifen an die verbleibenden Geiseln im Gazastreifen. Sie bilden den stillen und brutalen Hintergrund der Szene, die sich vor meinen Augen entfaltet.
Ich schaue mich um, in jedem Haus, das ich sehe, fehlen Fenster, das Mauerwerk ist heraus gebrochen, Fensterläden hängen herunter. So kenne ich das Viertel, in dem ich seit vier Monaten lebe, nicht. Ramat Aviv, im Norden von Tel Aviv, ist ein ruhiger Stadtteil. Viele Familien, viele Kinder, viele schöne Parks. Es ist viel ruhiger als im Zentrum. Weniger Verkehr, weniger hupende Autos, weniger rüpelige E-Bikes auf den Gehwegen.
Heute aber ist es anders. Ich schleppe mich durch die Straßen und spüre die Zerstörung. Ich gehe einen mir vertrauten Seitenweg entlang, vorbei an den Reihenhäusern. Ich blicke hoch zu einem Wohnzimmer, nein, zu dem Wohnzimmer. Das Wohnzimmer einer jüdisch-orthodoxen Familie. Ich kenne sie nicht, aber sie ist mir trotzdem bekannt. Viele Male habe ich dort schon hoch geschaut. Jeden Freitagabend, als ich mich bei der Supermarktkette AM:PM mit Snacks oder Bier eindeckte, lief ich dort vorbei. Zusammen saß die fünfköpfige Familie am gedeckten Shabbat-Tisch. Manchmal, blickte eines der Kinder neugierig mit großen Augen aus dem Fenster auf den Seitenweg herunter. Manchmal, ging ich zu dieser Zeit vorbei und wir winkten uns schüchtern zu. Aber heute sah ich hoch, sah die zerstörte Fensterfront und ein leeres Wohnzimmer. Ich fühle mich schwer. Leer. Träge.