Paul Diedrich

Beiträge & Studien

CC BY-NC-SA / Kulturverein Guntersblum/Reiner Schmitt

5. Juni 2025

Arabischer Nationalismus vor 1967

Zwischen Vision und Zerfall

von Paul Diedrich

Drei innerarabische Krisen spielten eine entscheidende Rolle im Fall Nassers: die Weigerung des Irak, 1958 der Vereinigten Arabischen Republik beizutreten, der Austritt Syriens 1961 sowie der Jemen-Krieg von 1962 bis 1967.

Nasser, backed by Arab states, kicks Israel into the Gulf of Aqaba.
Nasser, backed by Arab states, kicks Israel into the Gulf of Aqaba.
al-Hayut, Lebanon

Am 5. Mai jährt sich der israelische Präventivkrieg, der als Sechstagekrieg bekannt wurde, zum 58. Mal. Damit werden gemeinhin zwei Themen verbunden. Zum einen gilt er als Wendepunkt der globalen und deutschen Linken in Bezug auf das israelische Selbstbestimmungsprojekt. Erst dort hätten sich große Teile der Linken in westlichen Staaten vom Zionismus ab- und einem rabiaten, teilweise gewalttätigen antisemitischen Antizionismus zugewendet. Andererseits wird der Krieg in Israel selbst als ideologischer und politischer Wendepunkt angeführt. Ideologisch, weil sich der Zionismus gegen die ihn in seiner Existenz bedrohenden, übermächtigen arabischen Staaten militärisch klug behaupten, dem arabischen Nationalismus unter Nasser einen Todesstoß versetzen und Jerusalem aus zionistischer Sicht befreien konnte. Politisch, weil die nun international als Westbank bezeichneten Gebiete und damit knapp 700.000 palästinensische Araberinnen und Araber unter israelische Besatzung fielen.

Auch wenn der Sechstagekrieg von 1967 die Vision des arabischen Nationalismus unter Gamal Abdel Nasser endgültig erschütterte, war das Projekt schon zuvor im Zerfall begriffen. Drei inner-arabische Krisen spielten dabei eine entscheidende Rolle: die Weigerung des Irak, 1958 der Vereinigten Arabischen Republik beizutreten, der Austritt Syriens 1961 sowie der Jemen-Krieg von 1962 bis 1967.

Die arabischen Gesellschaften und Staaten waren im israelisch-arabischen Konflikt stets handelnde Akteure innerhalb einer komplexen innerarabischen Konkurrenzdynamik. Bis heute zieht sich jedoch eine eigentümliche Grammatik der Passivität durch arabische, antiimperialistische und später postkoloniale Betrachtungen dieses Konflikts. Das Motiv des Zuspätkommens, der Fremdbestimmung, des Verrats und der Ohnmacht dominiert nicht nur bis heute das palästinensische Nationalnarrativ, sondern kann auch als Leitmotiv der Reaktion der arabischen Region auf die Moderne schlechthin bezeichnet werden. 

Wenn man die arabischen Staaten und Gesellschaften in ihren ideologischen und politischen Kämpfen ernst nimmt, ist ein Blick auf die innerarabischen Gründe für den Niedergang des arabischen Nationalismus nicht nur geboten, sondern essenziell, um den Konflikt wirklich zu verstehen. Obwohl der Sechstagekrieg von 1967 die Vision des arabischen Nationalismus unter Gamal Abdel Nasser letztlich zunichte machte, waren die folgenden drei innerarabischen Krisen wesentliche Faktoren für das Scheitern des panarabischen Projekts: die Weigerung des Irak, der Vereinigten Arabischen Republik beizutreten (1958), der Austritt Syriens aus der Vereinigten Arabischen Republik (1961) und der Jemen-Krieg (1962–1967).

1958

Nach dem Sturz des pro-britischen Monarchen und der Ausrufung der Republik Irak ging Nasser davon aus, dass der Irak der Vereinigten Arabischen Republik (VAR) beitreten würde. Die VAR war im Februar 1958 von Ägypten und Syrien gegründet worden und stellte den Versuch dar, einen einheitlichen arabischen Staat zu schaffen. Als Premierminister Abd al-Karim Qasim jedoch den pro-VAR-General Abd as-Salam Aref verhaften und aus allen Ämtern entfernen ließ, wurde den Anhängern Nassers klar, dass ein tiefer ideologischer Konflikt im Irak heraufzog. Auf der einen Seite stand Qasim mit einer „Koalition aus Kommunisten, Kurden, unabhängigen Linken und irakischen Nationalisten“ unter dem Motto „Irak zuerst“. Auf der anderen Seite Aref mit „Baathisten, Nasseristen und ähnlichen Gruppen“, die die Parole „Einheit jetzt“ vertraten.

Am 9. März 1959 versuchten arabische Nationalisten einen Putsch gegen Qasim, der jedoch scheiterte. Qasim beschuldigte die Vereinigte Arabische Republik (VAR), hinter dem Komplott zu stehen, während diese eine massive Propagandakampagne gegen ihn startete. Seine Weigerung, sich der arabischen Einheit unter Nasser zu unterwerfen, wurde von VAR-Medien als Verrat dargestellt und sogar mit dem Verhalten Israels gleichgesetzt. Qasim reagierte darauf mit der Aussage, Syrien und Ägypten müssten von der „faschistischen Herrschaft Nassers“ befreit werden.

Doch Qasim war kein einfacher Gegner für Nassers Propagandamaschinerie. Er war weder ein Reaktionär noch ein Imperialist, sondern ein sozialrevolutionärer Führer mit starker Unterstützung aus den unteren Schichten. Zwar war der arabische Nationalismus bereits zuvor – etwa durch den Sonderweg Tunesiens – herausgefordert worden, doch der Konflikt zwischen den Staatskonzepten al-wataniya (territorialer Nationalismus) und al-qawmiya (arabischer-völkischer Nationalismus) zwischen Ägypten und dem Irak stellte Nassers erste ernsthafte Bewährungsprobe im Kern der arabischen Welt dar. In diesem ideologischen Kampf gelang es ihm letztlich nicht, den Weg der al-qawmiya gegen den aufstrebenden Pfad der al-wataniya durchzusetzen.

1961

Drei Jahre später folgte die nächste Krise: Syrien trat aus der UAR aus. Die syrischen Baathisten hatten zunächst gehofft, dass eine Machtteilung mit Nasser ihnen politische Vorteile verschaffen würde. Doch ab Mitte 1959 begannen sich diese Hoffnungen zu zerschlagen. Auf lokaler Ebene kam es zunehmend zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Baathisten und Nasseristen, die sich schließlich bis in die Führungsetagen ausweiteten.

Die Baathisten fühlten sich zunehmend aus der politischen Entscheidungsfindung ausgeschlossen, da sich das politische und wirtschaftliche Zentrum immer stärker nach Kairo verlagerte. Was ursprünglich als Partnerschaft auf Augenhöhe begonnen hatte, wurde zunehmend als ägyptische Dominanz empfunden. Syrische Baathisten schnitten bei Wahlen schlecht ab, führende Figuren zogen sich zurück – ein Rückschlag, der nicht nur für die UAR, sondern für die gesamte arabische Nationalbewegung ein schwerer Schlag war.

Die zuvor geeinte Bewegung zerfiel zunehmend in konkurrierende Lager: Baathisten, Nasseristen und andere nationalistische Gruppen traten nun getrennt auf. Die politische Schwächung wurde zusätzlich durch wirtschaftliche Spannungen verstärkt. Die syrische Wirtschaft, traditionell stark privatwirtschaftlich geprägt, sollte im Stil des ägyptischen Staatssozialismus umgebaut werden. Die damit einhergehenden Einschränkungen sowie die wachsende Bürokratie führten zu einer Kapitalflucht – insbesondere nach Europa.

Infolge dieser militärischen, politischen und wirtschaftlichen Schwächung übernahmen im September 1961 syrische Generäle die Macht und erklärten die Unabhängigkeit Syriens von der Vereinigten Arabischen Republik.

1962

Während die Kuwait-Krise im Sommer 1961 Nassers arabischen Nationalismus bereits auf die Probe gestellt hatte, indem sie die Widersprüche zwischen seinen Idealen und der Realpolitik offengelegt hatte, stellte der Staatsstreich im Jemen am 26. September 1962 die nächste große Herausforderung dar. Nasser sah darin eine Gelegenheit, den arabischen Nationalismus durch direkte militärische Beteiligung neu zu beleben.

Der Anführer des Putsches, Abdallah al-Sallal, wandte sich unmittelbar an Nasser, der seine Chance sah, den arabischen Nationalismus nun auch im Jemen – einem der sozio-ökonomisch schwächsten Länder der arabischen Welt – zu etablieren. Ägypten griff zunächst mit Militärberatern ein, entsandte dann aber bis 1965 rund 70.000 Soldaten in das gebirgige Land.

Saudi-Arabien sah in der republikanischen Bewegung eine Bedrohung und unterstützte die Royalisten, was zu einem langwierigen Stellvertreterkrieg führte. Der Konflikt band das ägyptische Militär über fünf ergebnislose Jahre hinweg und hatte verheerende Auswirkungen auf Moral, Staatshaushalt und internationale Reputation Ägyptens. Ägyptische Truppen setzten Giftgas gegen pro-royalistische Dörfer ein. Dass nun Nasser als Symbol der Einheit und Befreiung andere arabische Menschen mit chemischen Waffen tötete, stellte eine Zäsur dar. Es untergrub das ideologische Fundament des arabischen Nationalismus vollständig. 

Einmal mehr zeigte sich der unauflösbare Widerspruch zwischen Nassers Ideal eines vereinigenden arabischen Nationalismus und den realpolitischen Zwängen eines zunehmend militarisierten Machtanspruchs. Diese drei innerarabischen Krisen markieren den allmählichen „Abstieg“ des nasseristischen Projekts. 

Durch politische Kämpfe und kräftezehrende Kriege zerrüttet, versuchte Nasser nun, durch aggressive Rhetorik und Kriegsdrohungen gegen Israel die arabische Desintegration aufzuhalten. Er baute eine gewaltige Militärpräsenz im Sinai auf: In den Wochen vor dem Sechstagekrieg stationierte Ägypten dort rund 100.000 Soldaten, über 900 Panzer und hunderte Artilleriegeschütze. Er drohte Israel offen mit der Vernichtung. Die israelische Regierung versuchte wochenlang, einen Krieg durch Diplomatie abzuwenden; sah sich aber auch durch Nassers Giftgas Einsatz im Jemen ganz konkret an die Shoah erinnert.

Am 1. Juni 1967 wurde  Moshe Dayan schließlich zum israelischen Verteidigungsminister ernannt. Nur wenige Tage später begann der Sechstagekrieg, dessen Ausgang bekannt ist: Israel errang einen überwältigenden Sieg, zerschlug die ägyptische Luftwaffe in zwei, die syrische in einer und die jordanische in einer halben Stunde. In weniger als einer Woche besetzte es die Westbank, den Gazastreifen, die Golanhöhen und die Sinai-Halbinsel. Dieser Krieg und seine geografischen Konsequenzen bestimmen die Region bis heute.