1. Januar 2026
von Paul Diedrich
Nach dem Massaker am Bondi Beach in Sydney versuchen die Behörden, die Täterprofile und Hintergründe der Tat präzise zu erfassen. Seit dem 7. Oktober 2023 ist die Zahl antisemitischer Taten in Australien sprunghaft angestiegen.
Veröffentlicht in Junge World 2026/01
Es war der verheerendste Terroranschlag in der Geschichte Australiens. Innerhalb weniger Minuten verbreiteten sich die Bilder vom Massaker am Bondi Beach in Sydney. Zu sehen waren Jüdinnen und Juden, die am Strand zu Hunderten zum Chanukka-Fest zusammengekommen waren. 15 Menschen wurden von zwei Jihadisten gezielt ermordet, Dutzende weitere verletzt, darunter auch Menschen, die sich zufällig in der Nähe aufhielten.
Unter den Ermordeten waren die zehnjährige Matilda, die mit ihrer Familie aus der Ukraine nach Australien geflohen war, sowie der 87jährige Holocaust-Überlebende Alexander Kleytman. Das Massaker macht auf brutale Weise deutlich, dass Jüdinnen und Juden selbst dort nicht mehr sicher sind, wo sie lange einigermaßen frei von Angst und Verfolgung leben konnten.
Die mutmaßlichen Täter, der 24jährige Naveed und sein Vater Sajid Akram, folgten mit ihren Untaten einem jihadistisch-salafistischen Weltbild. Ideologie und Symbolik der Täter orientierten sich am »Islamischen Staat« (IS), was durch Funde wie eigens gefertigte IS-Flaggen und Sprengsätze sowie Kontakte des Sohns zu einschlägig bekannten Predigern und IS-Sympathisanten in Australien untermauert wird. Wenige Wochen vor der Tat absolvierten beide zudem eine 27tägige Reise nach Mindanao auf den Philippinen; auf der Insel operieren mit dem IS verbundenen Milizen. Der australische Terrorismusexperte Levi West berichtete im Fernsehsender ABC, Vater und Sohn Akram hätten dort »möglicherweise ein waffen- oder taktikorientiertes Training« erhalten.
Das operativ eigenständige Vorgehen der beiden mutmaßlichen Terroristen am Bondi Beach folgt einem Muster, das seit 2014 die Strategie des IS (nicht nur) in Australien kennzeichnet. Einem Bericht von West aus dem Jahr 2022 zufolge zielt diese weniger auf hierarchische Steuerung von Terrorakten als auf die Anstachelung zu Gewalttaten und deren ideologische Autorisierung durch ein islamistisch radikalisiertes Umfeld. Extremistische Prediger und jihadistische Influencer fungieren dabei als wichtige Verstärker; man will so maximale Wirkung mit einfachen Mitteln erzielen. In dieser Hinsicht ähnelt der Anschlag dem von Islamwissenschaftler Gilles Kepel beschriebenen »atmosphärischen Jihadismus«, der auf eigenständig handelnde Täter angewiesen ist.
In einem Video verurteilen die Angreifer angebliche »Verbrechen der Zionisten«, bezeichnen diese als Feinde des Islam und stellen die Ermordung von Jüdinnen und Juden als folgerichtige Vergeltung dar.
Das Tätergespann aus Vater und Sohn verleiht Vorbereitung und Ausführung eine eigene Qualität, indem es den sonst nötigen Aufwand für Rekrutierung und Vertrauensaufbau ersetzt. Den Behörden zufolge trainierten die beiden bereits in den Monaten vor dem Anschlag gemeinsam den Umgang mit Schusswaffen und übten angriffstaktische Bewegungen in Australien ein. Auch bei Beschaffung und Zielbestimmung kooperierten Vater und Sohn.
Der Anschlag knüpft an die jihadistische Grundidee an, Gesellschaften, die als »westlich« gelten, als Kampfraum zu definieren. Angriffe auf tatsächliche und vermeintliche Juden sind als religiös-politische Pflicht legitimiert. In einem auf dem Handy des Sohns sichergestellten Video, einer Art Manifest, äußern sich die mutmaßlichen Täter offen antisemitisch. Sie verurteilen angebliche »Verbrechen der Zionisten«, bezeichnen diese als Feinde des Islam und stellen die Ermordung von Jüdinnen und Juden als folgerichtige Vergeltung dar. Die Rede von »Zionisten« dient dabei als Vorwand, um den jihadistischen Antisemitismus politisch zu legitimieren und sich in die antizionistische Grundstimmung in der Gesellschaft einzufügen.
Seit dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 wird die australische Regierung unter dem sozialdemokratischen Premierminister Anthony Albanese (Labor Party) dafür kritisiert, antisemitischen Tendenzen nicht mit ausreichender Härte zu begegnen. Der Anschlag hat den politischen Druck auf Albanese und seine Partei nun noch weiter erhöht. Inzwischen räumte Albaneses Parteifreundin und Außenministerin Penny Wong ein, dass »früher mehr hätte getan werden müssen«.
Der BBC sagte eine Teilnehmerin einer Gedenkfeier für das Massaker am Bondi Beach, Albanese habe »Blut an den Händen«. Der Premierminister blieb den Beerdigungen der Opfer fern, da die Angehörigen ihm mitgeteilt hatten, er sei unerwünscht. Eine Woche später wurde er bei der zentralen Gedenkveranstaltung ausgebuht. Scharfe Kritik kam auch aus der Opposition. Der jüdische Politiker und ehemalige Finanzminister Josh Frydenberg (Liberal Party) attestierte Albanese im Interview mit der ABC ein politisches Totalversagen und forderte, er müsse »persönliche Verantwortung für den Tod von 15 unschuldigen Menschen« übernehmen. Die Studierendenunion Australasian Union of Jewish Students (AUJS) teilte mit, die Tage nach dem Anschlag seien »kein Moment des Rückzugs«, sondern der »Entschlossenheit« gewesen, »Licht über das Böse zu stellen«. Es gelte weiterhin, jüdisches Leben öffentlich, stark und stolz fortzuführen.
Noch am Abend des Anschlags sprach Albanese von einem »gezielten Angriff auf jüdische Australier« und verurteilte die Tat als »Akt des reinen Bösen, des Antisemitismus und des Terrorismus auf australischem Boden«. Vier Tage später kündigte er an, die Gesetze gegen Hasskriminalität und zur Kontrolle des Waffenbesitzes zu verschärfen. Geplant sind unter anderem neue Straftatbestände für Hassrede, härtere Strafen für islamistische Prediger sowie eine staatliche Taskforce zur Bekämpfung von Antisemitismus an Universitäten. Der von Labor regierte Bundesstaat New South Wales, dessen Hauptstadt Sydney ist, will zudem die Parole »Globalize the Intifada« verbieten.
Die Maßnahmen sind eine Reaktion auf den Anschlag und die anhaltenden Bemühungen der jüdischen Gemeinschaft, des Executive Council of Australian Jewry (ECAJ) und der Antisemitismusbeauftragten Jillian Segal. Das ECAJ begrüßte zwar, dass langjährige Empfehlungen aufgegriffen wurden, hält sich mit einer Bewertung aber zurück, bis konkrete Details vorliegen. Sein Präsident Daniel Aghion sagte, es sei tragisch, dass erst »ein Massaker an Juden und anderen Australiern nötig gewesen ist, damit gehandelt wird«.
Der kurz vor dem Anschlag veröffentlichte ECAJ-Jahresbericht weist im zweiten Jahr in Folge ein historisch beispiellos hohes Niveau antisemitischer Vorfälle aus. Ein Vorzeichen der Zuspitzung der antisemitischen Gewalt war der Brandanschlag auf die Synagoge Adass Israel in Melbourne im Dezember 2024. Als Terrorakt eingestuft, wurde er später von den Behörden auf eine aktive Einflussnahme des iranischen Regimes zurückgeführt. Nach Einschätzung des ECAJ führt das iranische Regime einen »Vernichtungskrieg gegen Israel als Krieg gegen das gesamte jüdische Volk«. Trotz der Ausweisung des iranischen Botschafters im August 2025 bestehe die »Bedrohung für die jüdische Gemeinschaft durch ausländische wie inländische Beteiligte« fort.
Mit den »inländischen Beteiligten« sind neben islamistischen Milieus auch rechtsextreme Gruppen und sogenannte propalästinensische Agitatoren gemeint. Auf einer Demonstration des National Socialist Network Anfang November demonstrierten 60 Neonazis in Sydney unter dem Banner »Abolish the Jewish Lobby«. Zugleich werden auf als palästinasolidarisch präsentierten Kundgebungen weiter antisemitische Feindbilder gepflegt und terroristische Gewalttaten relativiert. Ein Beispiel dafür war eine Großdemonstration in Sydney Anfang August. An der Spitze des als »March for Humanity« bezeichneten Protestzugs wurde ein Porträt des iranischen Obersten Führers und bekennenden Antisemiten Ali Khamenei mit Waffe in der Hand gezeigt.
Im Erlösungsantisemitismus erscheinen wahlweise der jüdische Staat oder Jüdinnen und Juden weltweit als Ursprung des politischen oder religiösen Bösen.
Gewiss, dieses offenherzige Bekenntnis zum Mullah-Regime wurde nicht von allen Teilnehmenden des Protestzugs gutgeheißen. Doch derlei steht exemplarisch für den heutigen Antisemitismus in westlichen Gesellschaften. Universell und progressiv formulierte Forderungen nach Menschlichkeit können dabei neben islamistischen Zeichen stehen, ohne dass daran Anstoß genommen würde. Diese harmonische Koexistenz wird durch ein gemeinsames Feindbild ermöglicht: Im Erlösungsantisemitismus erscheinen wahlweise der jüdische Staat oder Jüdinnen und Juden weltweit als Ursprung des politischen oder religiösen Bösen – wodurch die eigene Weltsicht als das absolut Gute abgesichert werden soll –, sei es im islamistischen Jargon als zu vernichtender religiöser Feind oder in der antikolonialen Rhetorik als »Zionisten«, denen unterstellt wird, völkermörderisch eine halluzinierte authentische Indigenität zerstören.
Israel als abzuschaffende Siedlerkolonie zu verteufeln, verfängt in Australien wegen der eigenen Geschichte besonders stark. Verbreitet wird sie maßgeblich von wichtigen Organisationen wie dem Australia Palestine Advocacy Network. Dieses verurteilte den Anschlag, verknüpfte ihn jedoch zugleich suggestiv mit der Selbstverteidigung Israels. So hieß es, dass »jeder in Sicherheit und Würde« leben müsse, »von Palästina bis Bondi«. Das Muster ist bekannt: Die von islamistischen Judenhassern Ermordeten werden eilig für die eigenen politischen Zwecke eingespannt. Das trägt das Seine zu einer Atmosphäre der Angst bei.