30. September 2025
von Paul Diedrich

Kyjiw, seit 1934 die Hauptstadt der Sowjetukraine, war ein bedeutendes Zentrum jüdischen Lebens in der Region. Vor dem Krieg lebten etwa 930.000 Menschen in Kiew, von denen ein Viertel Jüdinnen und Juden waren.
Die deutsche Besatzungsmacht ging mit akribischer Planung und Täuschung vor, um die jüdische Bevölkerung Kyjiws zur Schlucht Babyn Jar zu bringen. Durch öffentliche Bekanntmachungen, die in Russisch, Ukrainisch und Deutsch verfasst waren, wurden die Juden aufgefordert, sich an einem Sammelpunkt einzufinden, angeblich für eine Umsiedlung.
Diese Methode der Täuschung, bei der die Opfer zur Zusammenkunft mit warmen Kleidern, Ausweisen und Wertsachen aufgefordert wurden, war eine wiederholt angewandte Strategie der Nationalsozialisten zur Irreführung der jüdischen Bevölkerung. Anhand von Melderegistern führten deutsche Polizeieinheiten Hausdurchsuchungen durch, trieben die Juden zum vereinbarten Treffpunkt und geleiteten sie schließlich zum Erschießungsort. Nichtjüdische Menschen wurden zurückgeschickt, während die jüdischen Opfer gezwungen waren, sich bis auf die Unterwäsche zu entkleiden. Die Ausweise wurden vernichtet und die Wertsachen konfisziert. Am 29. September, dem ersten Tag des Massakers wurden schätzungsweise 22.000 Menschen ermordet. Am darauffolgenden Tag wurden weitere Menschen getötet, sodass die von den Deutschen akribisch dokumentierte Zahl der ermordeten Juden schließlich 33.371 betrug, wobei die wirkliche Zahl höher geschätzt wird.
Die Mehrheit der sowjetischen Juden, also auch der ukrainischen wurden „zu Hundertausenden in zahllosen Massakern in Wäldern und Schluchten erschossen" (Franziska Davis). Während in westeuropäischen Gesellschaften vor allem das Vernichtungslager Auschwitz als Ort des Erinnerns und auch als visueller Fluchtpunkt für die Judenvernichtung gilt, ist der Holocaust by Bullets weniger bekannt. Grund dafür sind u.a. die Zerstörung von Orten der Erinnerungen an jüdischer Geschichte in der Ukraine, wie Synagogen oder jüdische Friedhöfe in der Sowjetukraine.
In der Westukraine wurde in den Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs jüdische Friedhöfe in Marktplätze umgewandelt, Synagogen zu Mülldeponien gemacht und unmarkierte Massengräber hinterlassen. Auch Babyn Jar wurde in den Jahren danach z. B. mit Industrieabfällen befüllt. Doch trotzdem etablierte sich gegen diese gesellschaftliche Amnesie Babyn Jar als Ort der Erinnerung an die deutschen Verbrechen mit spezifisch jüdischer Vernichtungsabsicht.
Erinnerungskulturell war zum einen das im Jahr 1961 geschriebene Gedicht von Jewgenij Jewtuschenko zentral:
Babij Jar (übersetzt von Paul Celan)
-Auszug-
Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.
Ein schroffer Hang - der eine unbehauene Grabstein.
Mir ist angst.
Ich bin alt heute,
so alt wie das jüdische Volk.
Ich glaube, ich bin jetzt
ein Jude.
…..............
Ich glaube, ich bin jetzt sie:
Anne Frank.
Licht-
durchwoben, ein Zweig
im April.
Ich liebe,
Und brauche nicht Worte und Phrasen.
Und brauche:
daß du mich anschaust, daß ich dich anschau.
Wenig Sichtbares noch,
wenig Greifbares!
Die Blätter - verboten.
Der Himmel - verboten.
Aber einander umarmen, leise,
das dürfen, das können wir noch.
Sie kommen?
Fürchte dich nicht, was da kommt, ist der Frühling.
Er ist so laut, er ist unterwegs, hierher.
….....................
Über Babij Jar, da redet der Wildwuchs, das Gras.
Streng, so sieht dich der Baum an,
mit Richter-Augen.
Das Schweigen rings schreit.
Ich nehme die Mütze vom Kopf, ich fühle,
ich werde
grau.
Und bin - bin selbst
ein einziger Schrei ohne Stimme
über tausend und aber
tausend Begrabene hin.
Jeder hier erschossene Greis -:
ich. Jedes hier erschossene Kind -:
ich.
Nichts, keine Faser in mir,
vergißt das je!
Geschichtemachend war ebenfalls der 25. Jahrestag des Massakers im Jahr 1966. Die Gedenkkundgebung war Auftakt einer neuen jüdisch-ukrainisch Solidarisierung sowie einer gegenhegemonialen Erinnerungskultur in der Sowjetukraine. Seit jenem Jahrestag wurde Babyn Jar zu einem Symbol sowohl des Gedenkens an die Shoah als auch des Widerstands gegen die sowjetische Repression, die sich gegen ukrainische Juden und ukrainisch-kommunistische Dissidenten wie Ivan Dzjuba richtete. Ungefähr zweitausend Menschen versammelt sich an der Schlucht. Ivan Dzjuba hielt dort unter den Augen des KGB eine flammende Rede zur ukrainisch-jüdischen Versöhnung und betonte die gemeinsame Geschichte und die gemeinsamen Werte.
Dzjuba, der ein Jahr davor in seinem zentralen Buch Internationalismus oder Russifizierung die russozentrische Realpolitik der Sowjets mit den Begriffen des leninistischen Internationalismus der frühen 1920er Jahre in meisterhafter Weise kritisierte, entwickelt in der Rede einen gänzlichen neuen erinnerungspolitischen und die gemeinsame politische Zukunft bereitenden Modus der ukrainisch jüdischen Beziehungen.

Gleichwohn erwähnt Dzjuba auch den verbreiteten Antisemitismus in der ukrainischen Geschichte und Gesellschaft, allerdings ohne die mörderische Verstrickung von Teilen der nicht-jüdischen ukrainischen Bevölkerung in die Shoah zu erwähnen:
„Babyn Jar ist eine Tragödie der gesamten Menschheit, aber sie hat sich auf ukrainischen Boden ereignet. Und deswegen dürfen die Ukrainer sie genauso wenig vergessen wie die Juden. Babyn Jar ist unsere gemeinsame Tragödie, eine Tragödie des jüdischen und des ukrainischen Volkes in erster Linie.“
Dieser Gedenkauftakt hatte laut dem Historiker Yohanan Petrovsky-Shtern „das bis dahin in Angst, Tränen, Flüstern und Stille gehüllte Babyn Jar in eine öffentliche Sphäre verwandelt, und jetzt erhob diese Sphäre ihre Stimme" und wurde Ort einer Gegenerinnerungskultur. Der Widerstand der sowjetischen Machthaber gegen das Gedenken „sollte für das Verhältnis zwischen jüdischen Vertretern und Sowjetmacht auf Jahrzehnte hinaus bestimmend bleiben: Dem Versuch der einen Seite, das Gedenken zu bewahren, stand auf der anderen Seite das Bestreben gegenüber, es zu tilgen". Während das jährliche Gedenken in Babyn Jar zumindest einen fragilen Erinnerungsort an die Shoah bot und ukrainische Juden sich trotz Unterdrückung dort versammelten, dominierte in der sowjetischen Erinnerungskultur von Beginn an die Zensur des jüdischen Leids. Der KGB überwachte jedes Jahr die Gedenkkundgebungen und versuchte sie teilweise zu verhindern. Ein kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geplanter Gedenkstein wurde niemals realisiert. Ebenso wurde der Film Die Unbeugsamen von Mark Donskojs, der 1945 in Moskau Premiere feierte und als eines der ersten filmischen Zeugnisse die Vernichtung der Juden thematisierte, in späteren Vorführungen ohne die dreiminütige Szene des Massakers in Babyn Jar gezeigt.
Bei der filmischen Aufarbeitung und Thematisierung sticht der DDR-Film Der nackte Mann auf dem Sportplatz aus dem Jahr 1974 hervor. Mehrmals werden im Film Andeutung zu Babyn Jar gemacht, ohne explizit auf die Massaker Bezug zunehmen. Der Film handelt eigentlich vom alltäglichen Künstlerdasein in der DDR auf dem Thüringer Land zwischen Weimar und Jena. Das zwischen Weimar und Jena liegende KZ Buchenwald wird jedoch immer wieder subtil im Film verhandelt, so auch Babyn Jar. Damit sendete der Film ein erinnerungskulturelles, wenn auch verstecktes Signal und hebt die Verbrechen der Deutschen ebenso hervor wie das sowjetische Schweigen über Babyn Jar.
Der Mann auf dem Sportplatz