Paul Diedrich

Beiträge & Studien

CC BY-NC-SA / Kulturverein Guntersblum/Reiner Schmitt

25. Juni 2025

12 Tage Ausnahmezustand

Über Verletzlichkeit, Performance und Instagram

von Paul Diedrich

Friedlicher Sonnenuntergang, Tel Aviv, 25. Juni 2025
Friedlicher Sonnenuntergang, Tel Aviv, 25. Juni 2025

Ich will ein paar Worte über die letzten Tage verlieren. Jetzt, nach einer Nacht ausgiebigen Schlafens, versuche ich zu verstehen, was diese Ereignisse mit mir gemacht haben. Ich versuche, Worte zu finden, für meine Situation, meine Gefühle, und auch um die Darstellung ebendieser auf Instagram. Ich will auch darüber schreiben, da hier einige mitlesen, die mich persönlich nicht kennen. Parasoziale Beziehungen, wie sie Instagram herstellt, gaukeln eine falsche Intimität vor, die ich benennen will.  

Für mich waren die letzten 12 Tage Krieg eine Ausnahmesituation. Noch nie in meinem Leben zuvor hatte ich so konkrete Angst, verletzt oder getötet zu werden. Gleichzeitig wusste ich stets: Mein Leben ist durch die mir zugänglichen Bunker aller Wahrscheinlichkeit nach sicher. Die Unruhe, die Unwissenheit und die Unkontrollierbarkeit blieben. Was ich als Verletzlichkeit begreife, ist ein universelles Gefühl. Zurückgeworfen zu sein auf sein Überleben, auf die Infragestellung der eigenen Existenz, auf die Fremdbestimmung des Urteils über die eigene körperliche Unversehrtheit. Immer wieder musste ich im Bunker an die noch 24 lebenden Geiseln in den Händen der Hamas denken. Sie werden von der Hamas in ihrem Tunnelsystem gefangen gehalten. Immer wieder muss ich an palästinensische Zivilistinnen und Zivilisten denken. Sie werden von der Hamas darin gehindert, die unzähligen Tunnel zu ihrem Schutz zu benutzen. Und sterben zu Zehntausenden.        

Ein Versuch, mit dem Gefühl der Verletzlichkeit und Ausgeliefertseins umzugehen, war es, Euch auf Instagram mitzunehmen. Zu zeigen, wie oft die Raketenalarme sind, zu zeigen, wie das Abfangen von Raketen aussieht, zu zeigen, wie Menschen in solchen Situationen reagieren. Nämlich menschlich: mit Witz, mit Unterhaltung, mit Solidarität, mit Kreativität. Menschen versuchen, eine prekäre Normalität zu praktizieren. Menschen versuchen, zu rationalisieren, politisch zu diskutieren. Das alles habe ich auch über Instagram getan. Menschen stemmen sich mit ihrer Individualität und ihren eigenen Werkzeugen gegen die Abnormalität.    
Wenn ich hier lustige Storys, „unterhaltsame“ Reels oder politische Texte gepostet habe, entspringt das diesen zutiefst menschlichen Reaktionsweisen und Bewältigungsversuchen auf den Zustand der Verletzlichkeit. Ich habe dadurch mit Euch gesprochen, ja im engen Wortsinn unterhalten, wie es der Duden versteht: auf zwangslose, also von mir selbst gewählte, und angenehme Weise. Doch die Unterhaltung auf Instagram lässt keinen Schluss auf mein wirkliches Wohlbefinden zu. Ein unterhaltsames Reel heißt nicht, ich hätte Freude an der Situation. Im Gegenteil: Es ist der Versuch, durch Praktiken aus der Normalität einen kleinen Raum Handlungsmöglichkeiten in der Abnormalität zu schaffen. Eine Möglichkeit, mit der Situation spielerischer umgehen zu können. Doch sie waren und sind nie Ersatz für private und persönliche Gespräche, in denen nicht die Regeln der Performativität bestimmen. Gespräche, die mich die letzten Tage durch die Situation navigiert haben.

Manche veranlasst die performative Ordnung, die uns Instagram auferlegt, dazu, aus jeder fehlenden oder angeblich falschen Performance einen argumentativen Trugschluss zu ziehen. Angebliches Schweigen zu diesem oder jenem Thema gilt dann automatisch als Zustimmung. Anstatt in einer gut gemeinten Diskussion nachzufragen, wird der eigene Trugschluss zur vermeintlichen Position des Gegenübers erklärt. So erreichte mich am neunten Tag des Krieges die Nachricht eines Bekannten aus Wien: Es sei „pietätlos, Essen-Selfies aus Tel Aviv zu posten, während Menschen in Gaza wegen der IDF verhungern.“      
Abgesehen vom Verschweigen der Rolle der Hamas, abgesehen vom Posten palästinensischer Aktivisten durch mich in der Vergangenheit, abgesehen vom fehlenden Mitgefühl angesichts des Raketeneinschlags in der Nähe meiner Wohnung an jenem Tag, verdeutlicht die Nachricht: Die performative Ordnung sozialer Medien bringt Menschen dazu, digitale Handlungen oder ihr vermeintliches Ausbleiben als Positionierung zu deuten und daraus reine, moralisierende Urteile zu fällen. Wer urteilen will, muss fragen, nicht vermuten. Wer kritisieren will, muss sich mit dem Kritisierten ins Benehmen setzen. Alles andere wird zur Projektion.  
Und da mach ich nicht mit. Ich erwarte von Leuten, die hier mitlesen, einen mündigen und vernünftigen Umgang mit sozialen Medien und in Diskussionen. Außerdem bleibt das hier nach wie vor ein persönlicher Blog, keine Nachrichtenseite mit kostenloser und vollumfänglicher Berichterstattung.        

Zuletzt will ich nochmal Danke sagen für die über 100 Menschen, die mir hier geschrieben haben, sich nach mir erkundigt haben und sich um mich gesorgt haben. Egal ob politische Differenzen. Egal, ob wir uns Jahre nicht gesehen haben. Das war toll!